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Dresdner Frauenkirche

Eines Tages im Frühjahr 1722 schellte es heftig an der Tür des Bährischen Hauses. Georg Bähr solle sich unverzüglich zum Rathaus in Altendresden bewegen, denn man habe eine wichtigen Auftrag für ihn. Im Rathaus angekommen erfuhr er, dass er eine neue Frauenkirche bauen sollte. Gut gelaunt und voller Tatendrang machte er sich sodann ans Werk.

Die alte Frauenkirche schien in ihrer Bescheidenheit der barocken Residenzstadt August des Starken nicht angemessen. Zudem wurde sie von mal zu mal kleiner, da immer mehr Leute nach Dresden kamen und an den Gottesdiensten teilnahmen. So kam es, dass am 9. Februar 1722 der letzte Gottesdienst in dem alten, noch aus Holz gebauten, Gebäude stattfand und am darauffolgenden Tag der Abriss begann.

Bähr benötigte 3 Anläufe, um die Stadtväter zu überzeugen. Für den ersten Plan rechnete Bähr einen Preis von 103.000 Talern aus, dass war aber zu teuer und so setzte er sich wieder hin und begann von neuem. Mit dem zweiten Plan konnte sich niemand so richtig einverstanden erklären, obwohl sogar ein dreidimensionales Bild hinzugefügt wurde. Die Durchführung des dritte und letzte Planes sollte 82.555 Taler kosten. Diesmal waren alle zufrieden – es war nicht zu teuer und die Konstruktion gefiel. Am 27. Mai des Jahres 1726 wurde Bähr mit er “Aufsicht und dem Directorium des Baues” beauftragt und erst fast 2 Monate später, am 26. Juli genehmigte Graf Wackerbarth offiziell den dritten Entwurf. Am 26. August folgte die feierliche Grundsteinlegung.

Von diesem Tag an begannen die Probleme mit dem lieben Geld. Da es fast immer fehlte musste man sich etwas einfallen lassen. So half man sich, indem man die Zollfreie Einlieferung von Holz, Ziegeln, Kalkstein und anderem benötigtem Material erlaubte. Für die Einlieferung der Steine aus Pirna galt die günstige Hoftaxe, anstelle der allgemein geltenden Preise. An Pfarrerskinder, deren Eltern es sich leisten konnten wurde schon während des Baues Stammplätze verkauft. Sogar Christiane Eberhardine, die Frau August des Starken half mit. Sie hatte testamentarisch festgelegt, dass sie mit ihrem Vermögen ein wenig helfen möchte. Man verkaufte auch Grabkammern und Grablagen in den Katakomben, was allerdings nach 244 Beisetzungen bis 1819 verboten wurde, da es unhygienisch war. Die Stadt selber ging sogar soweit, dass sie städtische Gebäude verpfändete. Am 27. Juli 1730 rechnete Bähr mit bisher 101.500 Talern und das man noch 65.500 bräuchte. Nach 17 Jahren Bauzeit war sie dann endlich fertig und Bähr errechnete als Summe aller Ausgaben einen Betrag von 288.500 Talern, 10 Groschen und 6 Pfennigen.

Dieser Bau übertraf alles bisher dagewesene. Er war 95 Meter hoch und vereinigte hochbarocke und frühklassizistische Formen in sich. Die Kuppel, die in der Geschichte des europäischen Kuppelbaus einzigartig, monumental und graziös zugleich war beherrschte fortan das Stadtbild Dresdens. In ihm fanden nun 3500 Menschen Platz. Der Innenausbau folgte den Prinzipien der lutherischen Tradition, nach der eine große Gemeinde dem Worte Gottes in der Predigt zuhören soll und auf die Sakramente-Taufe, Beichte und Abendmahl optisch ausgerichtet ist. Der von Emporen umgebene kreisrunde Binnenraum erhielt eine Innenkuppel, über dem Gemeinderaum erhob sich eine Holzkuppel mit einer Laterne, die weithin sichtbar war. Die Emporen waren durch vier über Eck gestellte Treppenhäuser, die in Türmen ausklingen, zugänglich.

Der Siebenjährige Krieg und die Besetzung Sachsens durch die Truppen Friedrichs des Großen richtete auch in Dresden großen Schaden an. 1760 trafen Dutzende Kugeln aus den Kanonen des Preußenkönigs die Kuppel der Frauenkirche; der “Dickkopf” – wie der ärgerliche Feldherr die Kuppel genannt haben soll – erhielt zwar Narben in Form herausgeschlagener Steinplatten, doch blieb er standhaft und stürzte zur allgemeinen Verwunderung nicht in sich zusammen.

Jedoch ganz so unzerstörbar war sie nun auch wieder nicht. Bereits im Jahre 1738 traten besorgniserregende Risse an den Pfeilern in Erscheinung. Es kam sogar soweit, dass immer wieder Gesteinsbrocken herunterfielen – da konnte einem doch etwas unheimlich zumute werden, wenn man sich mit seinem Marktstand stundenlang vor der Kirche aufhielt. Als der Stadtrat 1924 ausführliche Sanierungsarbeiten beginnen ließ entdeckte man bedenkliche bis hin zu gefährlichen Erscheinungen im inneren, sowie an der Außenseite des Baus. Da im 18. Jahrhundert vermutlich Steine aus verschiedenen Steinbrüchen benutzt und damit unterschiedlich Widerstandsfähig waren bestand an einigen Stellen eine enorme Einsturzgefahr. Die empfindlicheren Steine wurden Stück für Stück entfernt und gegen härteres Elbsandsteinmaterial ersetzt. Beim Austausch der Steine entdeckte man, dass die Bindungselemente zwischen den Steinen verrostet waren und ersetzte sie ebenfalls. Als man das Innere näher unter die Lupe nahm sah man nur morsche und von Holzwürmern zerfressene Balken, welche natürlich auch ausgetauscht wurden.


Die beiden nachfolgenden Ausschnitte sind mehr als Aufruf zum Wiederaufbau und Spenden zu verstehen. Der Aufbau selber ist seit dem 30. Oktober 2005 abgeschlossen. Es gibt aber einen guten Einblick in die Beweggründe und den Ehrgeiz, die dazu führten.

Aus “Die Frauenkirche zu Dresden” Seite 70ff, von Dieter Nadolski, erschienen beim Tauchaer Verlag, 1994, ISBN 3910074227

Im Jahre 1945 fiel der Rosenmontag auf den 12. Februar. Nach mehr als fünf Jahren Tod und Vernichtung durch den bisher schlimmsten aller Kriege hatte kaum jemand von diesem zu normalen Zeiten für Frohsinn und Narretei bestimmten Datum sonderlich Notiz genommen. Nun war auch längst die unentwegte aus dem Volksempfänger trudelnde Melodien verstummt, die von dem bald einmal geschehenden Wunder kündete. Am Aschermittwoch ist alles vorbei – voller Sarkasmus und zugleich auf ein rasches Ende des Elends paßte wohl dieser Vers aus einem populären Karnevalslied treffender in die allgemeine Stimmungslage. Millionen Menschen waren umgekommen, Hunderttausende auf der Flucht irgendwohin, und Zehntausende solcher heimatlos gewordener Männer, Frauen und Kinder hatten Zwischenstation in Dresden eingelegt. Obwohl die Stadt bis dahin im wesentlichen vom Bombenangriff verschont geblieben war, konnte sie für die vielen Flüchtlinge nur sehr notdürftig Platz bieten. Besonders schlimm wurde es, als in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar – Fastnachtdienstag zu Aschermittwoch – die heulenden Sirenen Fliegeralarm verkündeten. Während einige in stumpfer Lethargie hilflos verharrten, hasteten andere mit panischer Angst schutzsuchend in die nächstgelegenen Gewölbe; einige hundert Menschen fanden den Weg in die Katakomben der Frauenkirche.

Später haben die Statistiker sachlich aufgelistet, daß 733 Flugzeuge ihre Bomben vor allem dort abwarfen, wo sich einmalige Zeugnisse der Kulturgeschichte konzentrierten. Der Zwinger Matthäus Daniel Pöppelmanns und das Residenzschloß der Wettiner, das Taschenbergpalais Constantia von Cosels und das Opernhaus Gottfried Sempers, die Rampische Gasse mit beeindruckenden frühen Bürgerhäusern sowie die geschichtsträchtige Kreuzgasse und noch viele weitere Bauten, Straßen und Plätze wurden über Nacht vernichtet. Durch jene Region, die vordem als eines der schönsten Stadtzentren überhaupt galt, wälzt dich eine Feuerwalze unvorstellbaren Ausmaßes. Wie starr vor Schreck stand die Frauenkirche inmitten des Chaos. Durch die gewaltigen Detonationen waren ihre Scheiben zwar zerstört, aber ansonsten schien sie erhalten zu sein. Gegen zwei Uhr erreichte die Glut das Bauwerk, drang durch die zerstörten Fenster in das Innere und setzte augenblicklich die Holzeinbauten in Brand. Die Menschen in den Katakomben tief unter der Kirche waren zur Untätigkeit verurteilt. Selbst wenn Wasser zum Löschen zur Verfügung gestanden hätte, hier konnte keine Macht der Welt mehr helfen. Dessen ungeachtet, stand ein näherliegendes Problem zur Lösung an: Sollte man eingedenk der über der Erde tobenden Hölle in den Gewölben ausharren? Umgeben von Särgen mit Toten aus längst vergangenen Zeiten, entsetzt über das Vernichtungswerk Lebender und mit dem Mut der Verzweiflung suchte man nach einer Antwort. Inzwischen war die Feuersbrunst über den Köpfen immer gewaltiger geworden, und man spürte wohl, in Kürze würde jegliche Fluchtmöglichkeit genommen sein. Gegen fünf Uhr stürmten Hunderte in fliehender Eile hinaus ins Freie dem Elbufer zu.

Das Bild, daß sich mit dem heraufkommenden Tag nach dieser Nacht bot, ist mit Worten allein nicht zu beschreiben. So weit die Augen schauen konnten, sahen sie Trümmerfelder, Ruinen und Tote. Fast unwirklich mußte es da anmuten, daß inmitten der Trostlosigkeit die scheinbar nahezu unversehrt gebliebene Frauenkirche stand. Ihrer vertrauten Umgebung leidig, wirkte sie noch kraftvoller als zuvor, aber zugleich auch machte sie in ihrer Einsamkeit die Katastrophe deutlich. Doch gottlob, das Wahrzeichen Dresdens, die Seele der Stadt, hatte überlebt. Nur einige Stunden lang konnten solche Gedanken gehegt werden, dann sackte die Kuppel nach unten. Ihre Steine mit ihrem Gesamtgewicht von weit über 20 000 Zentnern zerstörten die ausgeglühten und dadurch mürbe gewordenen Kirchenmauern in Sekundenschnelle. Als die gigantische Staubwolke zu Boden gegangen war, sah man dort, wo vor Minuten noch die Frauenkirche gestanden hatte, einen gewaltigen Trümmerberg, aus dem kläglich wenige Ruinen herausragten.

Es kann als ein Indiz für die enge Bindung der Bürger an das spätbarocke Bauwerk gelten, wenn schon wenige Monate nach Kriegsende, im August 1945, das Landesamt für Denkmalpflege die Chancen für die Wiedererrichtung untersuchte. Bei einem 13 Meter hohen Trümmerhaufen mit Schätzungsweise 20 000 Kubikmeter Bauresten konnte das wahrlich kein einfaches Unterfangen sein. Dennoch, die Fachleute kamen zu einem eindeutigen Schluß, und zwar dem, daß eine Rekonstruktion unter Einbeziehung von Originalmaterial möglich sei. Vom Winter 1948 an bis zum Frühjahr 1949 wurden 856 Steine beräumt. Gras und Unkraut konnten wachsen, so daß man in den fünfziger Jahren nicht ungern Schafherden hierher zum Weiden führte!

Die Ruinenreste sollten als Mahnmal an die Schrecken des Krieges stehenbleiben. Das war zu DDR-Zeiten so beschlossen worden, und viele Menschen, die ansonsten solcherart Entscheidungen nicht mit Beifall bedachten, fanden das richtig. Man könne, so ein wesentlicher Beweggrund, mit einem Wiederaufbau bestenfalls eine Kopie schaffen, andere hielten entgegen, eine wiedererstandene Frauenkirche wäre ein höchst willkommener Akt der Versöhnung. Im November 1992 verbanden sich engagierte Befürworter des Aufbaus zu einem Kuratorium und trieben mit viel Idealismus die Überlegung und Notwendigkeiten so voran, daß am 12. Februar 1993 offiziell ans Werk gegangen werden konnte.

Es ist imponierend, wie sich alle Beteiligten mühen, so viel wie irgend möglich originales Material verwenden zu können. Höchst selten sind jemals Trümmerberge mit der Sorgfalt wie in Dresden beräumt worden. Zuvor bezüglich der Lage vermessen, registriert und numeriert, transportiert man die Steine zur Zwischenlagerung in stählerne Regale. Die Bauleute hoffen, nach der Säuberung etwa 10 000 Einzelstücke aus alter Zeit in den Wiederaufbau einbringen zu können. Was für ein beglückendes Gefühl, das nicht allein nur Steine zu bergen sind, sondern inzwischen z.B. auch das zentnerschwere Turmkreuz unter den Trümmern zum Vorschein kam oder recht gut erhalten gebliebene Fresken des Altars freigelegt werden konnten.

Am 23. Dezember 1993 trafen sich Dresdner und Gäste der Stadt vorerst am Fuß der Kirche, die im nächsten Jahrtausend wiedererstanden sein soll, zu einem Gottesdienst. Möge das Aufbauwerk gelingen.

Aus “Die Dresdner Frauenkirche Geschichte – Zerstörung – Rekonstruktion”, Dresdner Hefte 32, Seite 98ff, ISBN 3-910055-18-4

Am 13. Februar 1945 – wenige Wochen vor dem Ende des bereits entschiedenen Krieges – legten Luftangriffe auch die DRESDNER FRAUENKIRCHE in Trümmer. Jahrzehntelang war diese Ruine Anklage und Mahnmal für alle friedlichen Menschen. In der schweren Zeit politischer Bedrückung und weltweiter Hochrüstung haben junge Menschen immer wieder brennende Kerzen auf die Ruine gestellt. In gewaltlosem Protest wollten sie Hoffnungszeichen setzen für eine Zeit des Friedens, der Gerechtigkeit und der Bewahrung des Lebens.

Doch der weitere Verfall der Ruine ist nicht aufzuhalten. Sicherung und Erhaltung würde umfangreichere bauliche und finanzielle Anstrengungen erfordern.

Wir wissen, daß unsere sächsische Landeskirche keine Mittel für einen Wiederaufbau der Frauenkirche zur Verfügung hat. Wir wissen, daß weder unsere Stadt noch unser Land diesen Aufbau finanzieren können.

Wir wissen, daß Kirchen der Bundesrepublik Deutschland den Aufbau vieler Gotteshäuser in unserem Land ermöglicht haben.

Wir wissen auch, daß Neubauten und Erhaltung von Altbauten angesichts des Zerfalls vieler Gebäude notwendiger sind, als der Aufbau der Frauenkirche.

Dennoch: Wir wollen uns nicht damit abfinden, daß dieses einmalige und großartige Bauwerk Ruine bleiben soll oder gar abgetragen wird.

Wir rufen auf zu einer weltweiten Aktion des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche, zu einem christlichen Weltfriedenszentrum im neuen Europa. In diesem Gotteshaus soll in Wort und Ton das Evangelium des Friedens verkündet, sollen Bilder des Friedens gezeigt, Friedensforschungen und Friedenserziehung ermöglicht werden.

Damit würde der Weltkultur ein architektonisches Kunstwerk von einzigartiger Bedeutung wiedergeschenkt, das mit dem Namen des genialen Erbauers, Georg Bähr, aber auch mit den Namen Gottfried Silbermann, Johann Sebastian Bach, Heinrich Schütz und Richard Wagner verbunden ist.

Damit würde uns ein steinernes Zeugnis des christlichen Glaubens wieder erstehen; ein Gotteshaus, das sich die evangelische Bürgerschaft auf den Fundamenten der ältesten Kirche Dresdens errichtet.

Damit würde eines der schönsten Städtebilder im Herzen Europas wieder seine beherrschende Krönung, die “Steinerne Glocke”, erhalten, ohne die der Wiederaufbau Dresdens Stückwerke bliebe.

Wir rufen auf zur Bildung einer internationalen Stiftung für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, die in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen werden soll. Wir wenden uns besonders an die Staaten, die den zweiten Weltkrieg geführt haben. Es ist uns dabei schmerzlich bewußt, daß Deutschland diesen Krieg entfesselt hat.

Dennoch: Wir wenden uns auch an de Siegermächte und die vielen Menschen guten Willens in den USA, in Großbritannien und in aller Welt: ermöglicht dieses europäische »Haus des Friedens!«.

Wir wenden uns an die Dresdner in der Ferne: Dankt Eurer Heimatstadt durch ein Opfer zur Wiedererrichtung der Frauenkirche. 45 Jahre nach ihrer Zerstörung ist auch für uns die Zeit herangereift, die Frauenkirche als einen verpflichtenden Besitz der europäischen Kultur wiedererstehen zu lassen.

Darum rufen wir aus Dresden um Hilfe.





  • Außenansicht


    Außenansicht



  • Außenansicht


    Außenansicht



  • Außenansicht, gemalt von Canaletto


    Außenansicht, gemalt von Canaletto



  • Eigenbau der Frauenkirche Dresden 1


    Eigenbau der Frauenkirche Dresden 1



  • Eigenbau der Frauenkirche Dresden 2


    Eigenbau der Frauenkirche Dresden 2



  • Eigenbau der Frauenkirche Dresden 3


    Eigenbau der Frauenkirche Dresden 3



  • Innenansicht Kuppel


    Innenansicht Kuppel



  • Kuppel


    Kuppel



  • Kuppel


    Kuppel



  • Kuppel, generiert von IBM


    Kuppel, generiert von IBM



  • Orgel


    Orgel



  • Orgel


    Orgel



  • Orgel


    Orgel



  • Orgel, generiert von IBM


    Orgel, generiert von IBM



  • Querschnitt


    Querschnitt



  • Sitzreihen


    Sitzreihen



  • Verzierungen an Treppe zur Orgel


    Verzierungen an Treppe zur Orgel



  • Wiederaufbau Frauenkirche


    Wiederaufbau Frauenkirche

Der Zirkus Sarrasani in Dresden

Kurze Geschichte zum Zirkus

Sarrasani Titel
Sarrasani trat schon vor der Jahrhundertwende mit Dresden in Beziehung, er trat mit seinem Minizirkus, bestehend aus Hunden, Affen, einem Bär und einem Schwein (auch “die lustige Tierfamilie” genannt) in Strehlen auf. Als er dann mit dem “größten und elegantesten Zelt-Circus Europas” (aus einer Sarrasani Anzeige von 1902) auf Reisen ging, führte ihn der Weg regelmäßig in die Residenzstadt, die durch Ernst Jakob Renz’ (geboren am 18. Mai 1892 in Böckingen bei Heilbronn, gestorben am 3. April 1892 in Berlin) Gastspiele als “gute Zirkusstadt” bekannt war. Sarrasani spielte mit Vorliebe auf dem freien Platz neben dem Jägerhof in der Neustadt, wo bereits 1746 ein Hetz-Amphitheater gestanden hatte.

Nachdem Stoschs Versuche, einen stationären Zirkus zu errichten, in anderen Städten fehlgeschlagen waren, orientierte er sich auf dieses Gelände und fand bei den Stadtvätern größtes Entgegenkommen. Am 27. Mai 1910 verkaufte die Stadtgemeinde Dresden diesen inzwischen erweiterten “ungefähr 5632 qm großen Baublock zum Preise von 80 (achtzig) Mark – Pf für das qm” (aus dem Kaufvertrag) an Hans Stosch-Sarrasani mit der Auflage “binnen ein und demselben Jahre von der Übergabe des Landes an einen massiven Zirkus zu errichten, der im Innern allen Ansprüchen der Neuzeit und in seiner äußeren Gestaltung höheren architektonischen Ansprüchen entspricht” (aus dem Kaufvertrag).

Im Mai 1911 begannen die Bauarbeiten, an denen über 20 Firmen beteiligt waren und obwohl einige Quengeleien zwischen den beiden Kontrahenten Stosch und Renz die arbeiten hinauszögerten wurden die Bauarbeiten am Zirkus Sarrasani am 19. September 1912 erfolgreich beendet.

Am 22. Dezember 1912 wurde das “Circus-Theater 5000”, in welchem nach polizeilichen Unterlagen 3860 Menschen einen Platz fanden, mit einer grandiosen Wohltätigkeitsveranstaltung unter Anwesenheit der Königsfamilie eingeweiht. “Die Eröffnung des Zirkus Sarrasani war die Sensation dieses vierten Advents für die hiesigen Gesellschaftskreise. Was Sarrasani der Stadt Dresden gegeben hat, erlebten wir gestern; die kommenden Wochen werden zeigen, was die Stadt Dresden Sarrasani zu geben hat” (Dresdner Nachrichten, 23. Dezember 1912).

Bis zum Abend des 13. Februar spielte man aller zwei Wochen das Programm.
Dann fiel es dem anglo-amerikanischen Bombenangriff zum Opfer.

Über die Architektur und Einrichtung

Sarrasani Außenansicht
Das Haus, welches “von der König-Albertstraße, der Villierstraße, dem Beaumont Platz, der Briestraße und dem Königin-Carola Platz” (aus dem Kaufvertrag) umschlossen war, war seinerzeit Europas modernster Zirkusbau. “Sein Herzstück war der frei gespannte Kuppelraum mit einem Durchmesser von 46,50m und einer lichten Höhe von 28,95m … seine gesamte Höhe betrug 35,75m … die Manege erhielt die Standardabmessungen von 13,20m im Durchmesser, sie konnte abgesenkt und mit Wasser gefüllt werden; die Bühne erreichte eine Höhe von 17,15m und wurde mit einem Asbestvorhang abgeschlossen.” (aus “Sarrasani wie er wirklich war”)

Bei der Verwendung der Baumaterialien sparte Stosch in keinster weise. Das Gebäude galt als das “feuersicherste weit und breit, so daß es nicht selten Ziel von Exkursionen von Bauleuten und Feuerwehren wurde.” “Sämtliche eisernen Unterkonstruktionen der Ränge, Logen und Galerien wurden von unten feuersicher verkleidet. Einige Bauteile und die Stallanlagen führte man in massivem Backstein auf, die wichtigsten Treppen, sowie die Decken von Keller und Erdgeschoß in Eisenbeton. Ränge, Logen, Parkett, Galerie erhielten eigene, voneinander unabhängige Treppenanlagen, die ins Freie führten (die Galerie allein acht!). Außerdem wurden ein Gefahrenstellen-Anzeiger, 42 Druckknopfmelder und 22 Temperaturmelder eingebaut, die einen Brand automatisch der städtischen Hauptfeuerwache meldet.” (aus “Sarrasani wie er wirklich war”). Das eingreifen externer Hilfskräfte war aber nicht immer, da sich im Gebäude eine eigene Feuerwache, Polizei- und Sanitätsstation befand. Feuerwehrmann Paul Großmann, der in der Feuerwache nebenan angestellt war meinte, dass dieses Gebäude “für uns ein Schulungsbeispiel” ist. Alle Feuerwehrleute dieser Wache erhielten als kleinen Bonus vergünstigte Eintrittspreise.

Die genaue Kapazität des Zuschauerraumes ist bis heute nicht eindeutig geklärt , da Sarrasani vom “Theater der 5000” sprach, aber die Unterlagen der Baupolizei 3860 ergaben (840 Parkett und Logen, 920 im ersten und 512 im zweiten Rang und 1588 auf der Galerie). Die Vermutung, dass man diese Zahl durch “stopfen” erreichen könne, galt nicht als wahrscheinlich, da Stosch sehr auf Sicherheit bedacht war und außerdem hätte man so niemals über 1000  Zuschauer “reinquetschen” können. Vermutlich war die Zahl 5000, die Stosch erwähnte nur eine Wunschzahl.

Des weiteren befanden sich im Gebäude ein  Speiserestaurant mit Künstlerklause, Dienstwohnungen, einen Salon, der die ganze Nacht über offen blieb, ein Kabarettprogramm zeigte und eine “American Bar” enthielt, ein Kellerrestaurant sowie drei Büfetts zur Pausenversorgung.

Weitere Nutzungen des Gebäudes

Wie alles im Leben hatte auch der Zirkus Sarrasani einen Nachteil – die Akustik. Die schlechte Qualität der Akustik wurde bereits bei der Einweihung bemerkt. Dieses Problem, welches den Direktor Zeitlebens Sorgen bereitete verhinderte die Mitbenutzung des Theaters. Zwar gab es einige Versuche, auch als Stadthalle, aber es blieben auch solche.

Im Laufe seines 33jährigen Bestehens wurde es trotzdem als Varietétheater und für Sportveranstaltungen bis hin zu Großveranstaltungen genutzt.

Es fiel oft auf, dass Stosch das Zirkusgebäude eher an Linke als an Rechte Vermietete und an solche, die sein potentielles Publikum waren.

Als Versammlungsstätte wurde es von den Nazis benutzt. Am 3. August 1924 fand eine viel beachtete “Friedenskundgebung” und im April 1925 eine “Marx-Kundgebung” statt.

Die Familie Stosch




  • Hans Stosch-Sarrasani, senior


    Hans Stosch-Sarrasani, senior



  • Hans Stosch-Sarrasani in seinem berühmten Maharadschakostüm


    Hans Stosch-Sarrasani in seinem berühmten Maharadschakostüm



  • Hans Stosch-Sarrasani, junior


    Hans Stosch-Sarrasani, junior



  • Hedwig Stosch-Sarrasani


    Hedwig Stosch-Sarrasani



  • Maria Stosch-Sarrasani


    Maria Stosch-Sarrasani

Einige der Hauptattraktionen




  • Das menschliche Känguruh Aage Markoni


    Das menschliche Känguruh Aage Markoni



  • Der lange Emil und der kleine Max


    Der lange Emil und der kleine Max



  • Japanertruppe 7 Uyenos


    Japanertruppe 7 Uyenos



  • Kunstschützendarbietung


    Kunstschützendarbietung



  • Stelzenläufer inmitten von Musikern


    Stelzenläufer inmitten von Musikern



  • Zwergclown Francois und Wunderesel Rigolo


    Zwergclown Francois und Wunderesel Rigolo

Zitate über Sarrasani

In der langen Reihe großer deutscher Künstler, Wissenschaftler und Techniker darf Hans Stosch-Sarrasani nicht fehlen.
Junge Welt, 9. August 1985

Sarrasani war ohne Zweifel ein Weltbegriff und hat in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ein gewichtiges Stück deutscher Zirkusgeschichte mitgeschrieben.
CDU-Pressedienst, 30. Juli 1985

Er begründete ein Zirkusimperium, das für ein halbes Jahrhundert Niveau, Strömungen und Ausstrahlung dieser Kunst der Manege mitbestimmte.
Radiosender DT 64, 19. September 1985

In Hans Stoch-Sarrasani sen. Vereinten sich die Eigenschaften eines nach Höchstleistungen strebenden Künstlers, eines ständig auf Modernisierung seines Unternehmens bedachten Kaufmanns und nicht zuletzt eines cleveren Werbepsychologen.
Henschel-Mitteilungen 1984

Das Gasometer in Dresden Reick

Moderne Industriearchitektur zum Anfang des 20. Jahrhunderts

Das Gasometer in Reick, etwa 1997 - eine Ruine
Der Gasspeicher befindet sich in  der Nähe der Winterbergstraße, etwa 2,5 Kilometer vom Zentrum Dresdens entfernt. Hier erhebt sich in inmitten einer recht ungeordneten Landschaft aus Kleingärten und Industrieanlagen ein großer, düsterer Rundbau aus dem Jahre 1908, der sich gut in das Bild Dresdens einfügt.
Dieser heute monumentale Rest des Gasometers – Reick stammt von Hans Jakob Erlwein, welcher am 13. 6. 1872 in Bad Reichenhall, Bayern, geboren schon 1898 im Alter von 26 Jahren zum Stadtbaurat in Bamberg geworden war. Hier schuf er ein Krankenhaus und einen Schulbau. 1905 folgt er dem Ruf nach Dresden und wird mit diesem Schritt, obwohl hier nur Leiter des Hochbauamtes, zu einer dieser zeittypischen Figuren, die das öffentliche Amt und eigene Bautätigkeit in Personalunion vereinen und damit wirkliche Stadtarchitekten sind, wie etwa Fritz Schumacher in Hamburg ab 1909 oder Wilhelm Kreis in Düsseldorf ab 1908.
Dresden war zu dieser Zeit noch Hauptstadt des Königreiches Sachsen, das dem deutschen Reich beigetreten war, sich aber immer eine gewisse Selbständigkeit bewahrt hatte. Sachsen erlebte vor dem 1. Weltkrieg eine ausgesprochene wirtschaftliche Blütezeit. Die landschaftliche Schönheit des Elbtales verband sich mit der günstigen geographischen Lage zu einem Nährboden, auf dem die traditionsreiche feinmechanische Industrie oder z.B. die Tabakindustrie zu großer Ausdehnung und Reichtum gediehen. Baulich drückte sich diese Generation von Unternehmen in den feinen Neorenaissance – Villen am Nordufer der Elbe aus, während die Profan- und Industriebauten in einer süddeutsch geprägten, manchmal barockisierten, immer eher konservativen vormodernen Avantgarde (Vorhut) gehalten waren.
Erlwein zieht hier mit. Er führt die “lokale Zunft” an, eine Künstlergemeinschaft, die sich kurz vor dem ebenfalls in Dresden gegründeten Deutschen Werkbund bildete. Er selbst bleibt von organischen oder Jugendstiltendenzen relativ unbeeindruckt und versucht in einer Reduktion der Mittel und Konzentration auf einfache, fast additive Formen eine eigene Sprache zu finden, der sich barocke und klassizistische Stilmittel, Ornamente und Wandmalereien unterzuordnen haben. Hiervon zeugen Arbeiterhäuser, Schulen und das populäre “Italienische Dörfchen” am Theaterplatz, gleich neben der Semperoper.

Erlwein schuf überwiegend Nutzbauten für kommunale Zwecke, dessen Grundrisse immer einfach und funktional sind. Vor allem seine Schnittdarstellungen seiner technischen Bauten, zeugen von einer Beziehung der Bauten zur Maschine. Das Wasserwerk Kaditz und der neue städtische Schlachthof, der zwischen 1906 und 1910 entstand, zeigen das. Nur selten verfängt er sich in Kitsch, wie etwa im Falle des Aussichtsturmes auf dem Wolfshügel, dessen Säulen Entasen aufweisen.
In den kommenden 10 Jahren hat er mit über 50 Bauten Gelegenheit, die Erscheinung Dresdens zu prägen.

Am 9. Oktober 1914 verunglückte Erlwein bei einem Autounfall in der Nähe der französischen Stadt Rethel tödlich.

Mit fast 60m Durchmesser und 80m Höhe bis zu seiner Laterne ist der Dresdner Gasometer der größte, der bis zu diesem Zeitpunkt entstanden war, und nur Teil eines ganzen Ausbauprogramms der Gaswerke an mehreren Orten nahe der Innenstadt. Die innere, eigentlich das Gas beherbergende Anlage mit drei eisernen Rohrabschnitten und einer Glocke, die vom Gasdruck angehoben wird, ist von einer betonierten Hülle umgeben, deren einzige Aufgabe es ist, eine gewisse Wärmedämmung für das Dichtungsöl und vor allem eben den schönen Schein der Stadtkontur zu bewahren. Ergebnis ist ein Betonzylinder mit nur 40cm Wandstärke, versteift durch 5 außen angesetzte Treppentürme und eine sich nach außen gegen einen ebenen Betongurt spreizenden Stahlkonstruktion, die den Dom des Daches bildet und von einer 20m weiten Laterne beschwert und gekrönt wird, einer verputzten Stahl- und Holzkonstruktion, die als einziges Element falsch und Kulissenhaft wirkt.
Das Joseph-Haydn-Gymnasium, ca. 1930
Die Fenster des Rundbaues folgen den inneren Wartungsgalerien, die wiederum der Höhe der Kesselringe in angehobenen Zustand entsprechen. Selbst sie können noch, da ja kein eigentlich nutzbarer Innenraum zu erhellen ist, als Aussparung im Wandgefüge und damit als Beitrag zu einer Minimierung angesehen werden, die den riesigen Kessel zu einem dünnhäutigen Gerippe macht.
Was Erlwein hier vorführt, ist die äußerste Reduktion der Mittel, die jedoch nicht unsubtil ist. Das ganze Gebäude erhebt sich auf einem abgezirkelten, abweisend wirkenden Erdwall. Die leichte Böschung der Treppentürme, die Aufnahme der klassizistischen Horizontalgliederung in Basis, Fassade und schließlich die Ausbildung des Laternenaufsatzes geben dem Gebäude eine Erscheinung, die Verbindungen mit der französischen Revolutionsarchitektur zeigt.
Die Behandlung des Betons, der immer noch in ganz ausgezeichneten Zustand ist, setzt diese Subtilität fort. So sind die vertikalen Füllungen, die die Fenster zusammenfassen, anders gestockt als die sie trennenden Lisensen. Die Fensterrahmen darf man sich farbig gestrichen vorstellen, etwa mennigerot wie bei Erlweins großem Lagerhaus hinter dem neuen Landtag, der in Zukunft übrigens als Magazin für die sächsische Landesbibliothek genutzt werden soll.

So ist also die architektonische Hülle weniger eine Symbiose von Architektur und Maschine, als man zunächst meint.
Bei dem Gasometer bleibt ein sinistrer (unheilverkündender, widerwärtiger) Eindruck hängen – der einer düsteren Stadtkrone für die Industriearchitektur Dresdens. Die zeitgenössischen Darstellungen zeigen das. Gleichwohl ist er auch ein Symbol des Reichtums in einer Zeit, in der die Dresdner Gaswerke, wie man heute etwas wehmütig anmerkt, satte schwarze Zahlen schrieben.
Eine riesige Uhr zeigt für alle sichtbar den Pegelstand des Speichers an.
Blick von der Kuppel in das Innere des Speichers, kurz vor ihrer Sprengung zu Beginn des Jahres 1998
Die Anlage, die insgesamt aus drei Speichern bestand, war noch bis in die siebziger Jahre in vollem Betrieb. Seit der Umstellung von Stadt- auf Erdgas benutzte man Erlweins Speicher nur noch als Puffer, bis auch dessen Nutzung eingeschränkt werden mußte, weil die großen Mengen an Dichtungsöl, entsprechender und hoher Qualität nicht mehr zu beschaffen waren. Nach der Stillegung verrotteten die hölzernen Teile des Dachstuhles und wurden schnell zu einer “fliegenden Gefahr”. Man warf also alles aus 60m Höhe ins Innere des Kessels, wobei die flachgewölbte Glocke, auf der sich bis vor kurzem noch die bizarrschöne Altlast auftürmte, irreparablen Schaden nahm. Einen stählernen Nachbarkessel trug man dagegen bis auf den Stumpf  ab, setzte ihn eine noch heute funktionierende Traglufthalle auf und nutzte ihn fortan als Sporthalle.
Heute jedoch liegen die Dinge anders. Die Dresdner Gaswerke haben nun, im Gegensatz zur Planwirtschaft der DDR, selbständig zu wirtschaften und sind durch die alten, maroden Gebäude sehr belastet. Noch besteht der Wille und eine gewisse Geduld, das unter Denkmalschutz stehende Gebäude einem verantwortungsvollen Investor zu übergeben, was schnell zu phantastischen Ideen und Utopien animierte, aber noch kein wirtschaftlich schlüssiges Konzept hervor brachte. Die Idee ein Musical aus der Ruine des Gasometers zu erschaffen scheiterte während des Baues, da plötzlich viele Investoren absprangen, und den Rundbau bis heute mit abgesprengter Kuppel seinem Schicksal überließen.

Quelle: “Industriearchitektur in Dresden” und “Bauwelt Heft 42 1993”
Sämtliche Anfragen bitte an Georg Dietrich richten, da diese Ausarbeitung von ihm ist.

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