Das Gasometer in Dresden Reick

Moderne Industriearchitektur zum Anfang des 20. Jahrhunderts

Der Gasspeicher befindet sich in  der Nähe der Winterbergstraße, etwa 2,5 Kilometer vom Zentrum Dresdens entfernt. Hier erhebt sich in inmitten einer recht ungeordneten Landschaft aus Kleingärten und Industrieanlagen ein großer, düsterer Rundbau aus dem Jahre 1908, der sich gut in das Bild Dresdens einfügt.
Dieser heute monumentale Rest des Gasometers – Reick stammt von Hans Jakob Erlwein, welcher am 13. 6. 1872 in Bad Reichenhall, Bayern, geboren schon 1898 im Alter von 26 Jahren zum Stadtbaurat in Bamberg geworden war. Hier schuf er ein Krankenhaus und einen Schulbau. 1905 folgt er dem Ruf nach Dresden und wird mit diesem Schritt, obwohl hier nur Leiter des Hochbauamtes, zu einer dieser zeittypischen Figuren, die das öffentliche Amt und eigene Bautätigkeit in Personalunion vereinen und damit wirkliche Stadtarchitekten sind, wie etwa Fritz Schumacher in Hamburg ab 1909 oder Wilhelm Kreis in Düsseldorf ab 1908.
Dresden war zu dieser Zeit noch Hauptstadt des Königreiches Sachsen, das dem deutschen Reich beigetreten war, sich aber immer eine gewisse Selbständigkeit bewahrt hatte. Sachsen erlebte vor dem 1. Weltkrieg eine ausgesprochene wirtschaftliche Blütezeit. Die landschaftliche Schönheit des Elbtales verband sich mit der günstigen geographischen Lage zu einem Nährboden, auf dem die traditionsreiche feinmechanische Industrie oder z.B. die Tabakindustrie zu großer Ausdehnung und Reichtum gediehen. Baulich drückte sich diese Generation von Unternehmen in den feinen Neorenaissance – Villen am Nordufer der Elbe aus, während die Profan- und Industriebauten in einer süddeutsch geprägten, manchmal barockisierten, immer eher konservativen vormodernen Avantgarde (Vorhut) gehalten waren.
Erlwein zieht hier mit. Er führt die “lokale Zunft” an, eine Künstlergemeinschaft, die sich kurz vor dem ebenfalls in Dresden gegründeten Deutschen Werkbund bildete. Er selbst bleibt von organischen oder Jugendstiltendenzen relativ unbeeindruckt und versucht in einer Reduktion der Mittel und Konzentration auf einfache, fast additive Formen eine eigene Sprache zu finden, der sich barocke und klassizistische Stilmittel, Ornamente und Wandmalereien unterzuordnen haben. Hiervon zeugen Arbeiterhäuser, Schulen und das populäre “Italienische Dörfchen” am Theaterplatz, gleich neben der Semperoper.

Erlwein schuf überwiegend Nutzbauten für kommunale Zwecke, dessen Grundrisse immer einfach und funktional sind. Vor allem seine Schnittdarstellungen seiner technischen Bauten, zeugen von einer Beziehung der Bauten zur Maschine. Das Wasserwerk Kaditz und der neue städtische Schlachthof, der zwischen 1906 und 1910 entstand, zeigen das. Nur selten verfängt er sich in Kitsch, wie etwa im Falle des Aussichtsturmes auf dem Wolfshügel, dessen Säulen Entasen aufweisen.
In den kommenden 10 Jahren hat er mit über 50 Bauten Gelegenheit, die Erscheinung Dresdens zu prägen.

Am 9. Oktober 1914 verunglückte Erlwein bei einem Autounfall in der Nähe der französischen Stadt Rethel tödlich.

Mit fast 60m Durchmesser und 80m Höhe bis zu seiner Laterne ist der Dresdner Gasometer der größte, der bis zu diesem Zeitpunkt entstanden war, und nur Teil eines ganzen Ausbauprogramms der Gaswerke an mehreren Orten nahe der Innenstadt. Die innere, eigentlich das Gas beherbergende Anlage mit drei eisernen Rohrabschnitten und einer Glocke, die vom Gasdruck angehoben wird, ist von einer betonierten Hülle umgeben, deren einzige Aufgabe es ist, eine gewisse Wärmedämmung für das Dichtungsöl und vor allem eben den schönen Schein der Stadtkontur zu bewahren. Ergebnis ist ein Betonzylinder mit nur 40cm Wandstärke, versteift durch 5 außen angesetzte Treppentürme und eine sich nach außen gegen einen ebenen Betongurt spreizenden Stahlkonstruktion, die den Dom des Daches bildet und von einer 20m weiten Laterne beschwert und gekrönt wird, einer verputzten Stahl- und Holzkonstruktion, die als einziges Element falsch und Kulissenhaft wirkt.
Die Fenster des Rundbaues folgen den inneren Wartungsgalerien, die wiederum der Höhe der Kesselringe in angehobenen Zustand entsprechen. Selbst sie können noch, da ja kein eigentlich nutzbarer Innenraum zu erhellen ist, als Aussparung im Wandgefüge und damit als Beitrag zu einer Minimierung angesehen werden, die den riesigen Kessel zu einem dünnhäutigen Gerippe macht.
Was Erlwein hier vorführt, ist die äußerste Reduktion der Mittel, die jedoch nicht unsubtil ist. Das ganze Gebäude erhebt sich auf einem abgezirkelten, abweisend wirkenden Erdwall. Die leichte Böschung der Treppentürme, die Aufnahme der klassizistischen Horizontalgliederung in Basis, Fassade und schließlich die Ausbildung des Laternenaufsatzes geben dem Gebäude eine Erscheinung, die Verbindungen mit der französischen Revolutionsarchitektur zeigt.
Die Behandlung des Betons, der immer noch in ganz ausgezeichneten Zustand ist, setzt diese Subtilität fort. So sind die vertikalen Füllungen, die die Fenster zusammenfassen, anders gestockt als die sie trennenden Lisensen. Die Fensterrahmen darf man sich farbig gestrichen vorstellen, etwa mennigerot wie bei Erlweins großem Lagerhaus hinter dem neuen Landtag, der in Zukunft übrigens als Magazin für die sächsische Landesbibliothek genutzt werden soll.

So ist also die architektonische Hülle weniger eine Symbiose von Architektur und Maschine, als man zunächst meint.
Bei dem Gasometer bleibt ein sinistrer (unheilverkündender, widerwärtiger) Eindruck hängen – der einer düsteren Stadtkrone für die Industriearchitektur Dresdens. Die zeitgenössischen Darstellungen zeigen das. Gleichwohl ist er auch ein Symbol des Reichtums in einer Zeit, in der die Dresdner Gaswerke, wie man heute etwas wehmütig anmerkt, satte schwarze Zahlen schrieben.
Eine riesige Uhr zeigt für alle sichtbar den Pegelstand des Speichers an.
Die Anlage, die insgesamt aus drei Speichern bestand, war noch bis in die siebziger Jahre in vollem Betrieb. Seit der Umstellung von Stadt- auf Erdgas benutzte man Erlweins Speicher nur noch als Puffer, bis auch dessen Nutzung eingeschränkt werden mußte, weil die großen Mengen an Dichtungsöl, entsprechender und hoher Qualität nicht mehr zu beschaffen waren. Nach der Stillegung verrotteten die hölzernen Teile des Dachstuhles und wurden schnell zu einer “fliegenden Gefahr”. Man warf also alles aus 60m Höhe ins Innere des Kessels, wobei die flachgewölbte Glocke, auf der sich bis vor kurzem noch die bizarrschöne Altlast auftürmte, irreparablen Schaden nahm. Einen stählernen Nachbarkessel trug man dagegen bis auf den Stumpf  ab, setzte ihn eine noch heute funktionierende Traglufthalle auf und nutzte ihn fortan als Sporthalle.
Heute jedoch liegen die Dinge anders. Die Dresdner Gaswerke haben nun, im Gegensatz zur Planwirtschaft der DDR, selbständig zu wirtschaften und sind durch die alten, maroden Gebäude sehr belastet. Noch besteht der Wille und eine gewisse Geduld, das unter Denkmalschutz stehende Gebäude einem verantwortungsvollen Investor zu übergeben, was schnell zu phantastischen Ideen und Utopien animierte, aber noch kein wirtschaftlich schlüssiges Konzept hervor brachte. Die Idee ein Musical aus der Ruine des Gasometers zu erschaffen scheiterte während des Baues, da plötzlich viele Investoren absprangen, und den Rundbau bis heute mit abgesprengter Kuppel seinem Schicksal überließen.

Quelle: “Industriearchitektur in Dresden” und “Bauwelt Heft 42 1993″
Sämtliche Anfragen bitte an Georg Dietrich richten, da diese Ausarbeitung von ihm ist.

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